Sichtbarkeit beginnt
beim Label
Immer mehr Kaffees tragen den Namen von Frauen. Nadine Rasch erzählt anlässlich des Weltfrauentags im Interview, warum das nicht immer so war. Sie ist in Guatemala aufgewachsen und arbeitet seit 2012 mit Spezialitätenkaffee, nachdem sie in Großbritannien studiert hat. Ein Jahr nachdem sie wieder zurück auf der Farm ihrer Familie in Guatemala war, gründete sie 2013 Third Wave Coffee Source Ltd. und Primavera Coffee, um die besten Kaffees aus Guatemala mit Röstereien in Europa zu verbinden. Wir arbeiten seit 2016 mit ihr zusammen. Im letzten Jahr zeichnete die Specialty Coffee Association sie mit dem Nachhaltigkeitspreis aus, der mitunter ihre sozialen Projekte für Chancengleichheiten berücksichtigt.
Um den Nachhaltigkeitspreis zu gewinnen, hast du deine Arbeit in drei verschiedene Bereiche unterteilt. Einer davon war der soziale Aspekt der Nachhaltigkeit. Inwiefern bezieht sich das auf Frauen?
Welche Rolle spielt die Aufteilung der Care-Arbeit in Guatemala dabei?
Oft sind die Eltern hier etwas jünger, so dass Großeltern im Haus leben, die sich um die Kinder kümmern können. Es gibt also mehr Betreuungspersonen. Die fehlende Präsenz der Frauen in den Workshops hängt eher mit fehlendem Selbstvertrauen zusammen als damit, dass sie keine Zeit haben. Die Workshops sind auch während der Arbeitszeit und nicht in ihrer Freizeit.
Wie sind deiner Meinung nach Nachhaltigkeit, Kaffee und Frauen verbunden?
Rund achtzig Prozent der Weltkaffeeproduktion kommt von Kleinbauern. Dazu gehören nicht nur die Männer. Es sind Familien. Man muss sicherstellen, dass alle eine Stimme haben und dass sie alle gesehen werden, sonst kommt man nicht weit.
Du hast auch noch ein anderes Projekt speziell für Kaffeefarmerinnen - hängt das mit den Projekten für den Nachhaltigkeitsbericht zusammen?
Dafür muss ich kurz ausholen. Wir haben lange nur die Kirschen aus der Mitte der Erntezeit gekauft - das Beste vom Besten. Damals war es die Qualität, die uns von anderen abgegrenzt hat. Irgendwann wollten wir nicht mehr nur das Beste kaufen. Also haben wir beschlossen; wenn wir uns unseren Produzent:innen gegenüber verpflichten wollen, müssen wir ihre gesamte Ernte kaufen. Anfang und Ende der Ernte bringen nicht unbedingt die besten Kaffees und keine Microlots, aber sie sind trotzdem gut. Daraus sind die Blends mit dem Namen La Primavera Family entstanden. Im Zuge dessen haben wir einen Primavera Sisterhood Blend produziert, der nur von Frauen kommt. Er kostet zehn Cent mehr als die anderen Mischungen. Damit finanzieren wir unsere Programme und Workshops, die speziell auf Frauen ausgerichtet sind. Die Programme sind also miteinander verbunden.
Wie kommt es, dass in Guatemala so viele Frauen den Job machen?
Ihr arbeitet auch mit Farmer:innen außerhalb von Guatemala zusammen. Achtest du dabei mehr darauf, Produzentinnen für die Zusammenarbeit zu finden oder sind es dort auch so viele Frauen, dass du nicht explizit darauf achten musst?
Wir importieren mittlerweile Kaffee aus Kolumbien und arbeiten mit einigen Kooperativen in El Salvador zusammen. Wir hoffen, dass wir den Einfluss, den wir hier hatten, auf andere Standorte ausweiten und unser hier erworbenes Fachwissen auch anderswo einsetzen können. Woanders müssen wir aufmerksamer sein, wenn wir mit Frauen zusammenarbeiten wollen. Es gibt eine Menge kultureller Unterschiede, auf die wir Rücksicht nehmen. An anderen Orten will ich nicht so tun, als würde ich alles verstehen. Wir bemühen uns bewusst in anderen Ländern darum, dass mehr Frauen in die Prozesse einbezogen werden.
Was hat sich über die Jahre für Frauen in der Branche denn geändert?
Innerhalb unseres Netzwerks gibt es definitiv mehr Offenheit für die Zusammenarbeit mit Frauen und eine stärkere Unterstützung der finanziellen und landwirtschaftlichen Bildung für Frauen.
Hast du über die Jahre Frauen getroffen, die dich inspiriert haben oder die du inspirieren konntest?
Ich hatte zwei interessante Begegnungen: Eine davon war mit einer Frau aus Huehuetenango (Guatemala), die in der Region Kaffee anbaut. Als ich sie das erste Mal getroffen habe, war sie sehr schüchtern, aber in ihr steckte viel Potenzial. Wir haben sie ermutigt, an einem Kurs einer gemeinnützigen Organisation teilzunehmen. Sie hat dort gelernt, wie man ein Projekt leitet und mit Budgets umgeht. Wir haben eine Station für sie finanziert, um die Setzlinge der Kaffeepflanzen anzuziehen. Nachdem sie dieses Projekt durchlaufen hatte, war sie ein anderer Mensch - ihr Selbstwertgefühl war ein ganz anderes. Das war wirklich inspirierend. Dann hatte ich noch eine andere lustige Situation, als ich auf einer Konferenz in Japan war. Jemand kam auf mich zu und sagte, dass sie meine Website vor Jahren gesehen hat und daraufhin selbst angefangen hat, in der Branche zu arbeiten - das war wirklich toll.
Meinst du, dass du als Frau andere Frauen auf eine Art und Weise erreichen kannst, wie Männer es nicht können?
Ich denke, Frauen neigen dazu, mehr Rücksicht auf ihre Leute zu nehmen. Man muss zwar immer sicherstellen, dass das Geschäft finanziell Sinn macht, aber gleichzeitig braucht es diesen zusätzlichen Hauch von Fürsorge.
Und was, würdest du sagen, fordert dich am meisten heraus?
Nicht-Spezialitäten Hersteller und Röstereien labeln alles als Specialty Coffee- auch wenn es das nicht ist. Es gibt eine Menge falscher Etikettierung und Marketing, was die Sache kompliziert macht. Außerdem sind wir in hohem Maße von Finanzierungen abhängig, und die Zinsen sind hoch. Das sind Herausforderungen, aber sie sind unabhängig vom Geschlecht.
Was würdest du Frauen raten, die in der Kaffeebranche arbeiten möchten?
Frauen müssen zusammenhalten und sich gegenseitig helfen, um erfolgreich zu sein. Und es ist keine Branche, die sehr rassistisch oder sexistisch ist. Am Ende ist am wichtigsten, dass man aufgeschlossen ist und daran denkt, dass man von allen lernen kann.
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