Wo der Kaffee noch wild wächst – eine Reise nach Äthiopien

     Kaffee spielt eine bedeutende Rolle in der Kultur und dem Verständnis Äthiopiens. Ein Satz, den wir auf unserer Reise noch öfter hören werden. Marina ist hauptsächlich für unser Marketing zuständig, aber steht auch als Barista hinter der Bar. Ich, Marco, stehe ebenfalls hinter der Kaffeebar. Meistens bin ich aber am Röster oder im Büro. Für uns beide ist es die erste Reise in eines der Ursprungsländer, aus denen wir unsere Kaffees beziehen. Dafür reisen wir nach Sidamo, in den südlichen Teil des äthiopischen Hochlands.



Mitten in glühenden Kohlen steht die Jebena – eine bauchige Terakotta-Kanne, in der die Äthiopier:innen Kaffee brühen. Zuvor rösten sie den Kaffee und mahlen ihn in einem ausgehöhlten Baumstamm, der als Mörser dient. Aus einer glimmenden Schale steigen Rauchschwaden auf. Sie riechen nach Myrrhe und Weihrauch, die dem Kaffee hinzugefügt werden. Es ist ein langsames und traditionelles Ritual. Um das Feuer stehen die Arbeiter:innen der Farm und unsere kleine Reisegruppe. Ob nach unserer Ankunft am Flughafen, in Restaurants oder direkt auf den Washing Stations: das Ritual begleitet uns auf der ganzen Reise. Wir sind hier, um genau diese traditionellen Momente mitzuerleben und die Wertschöpfungskette unserer Kaffees von Anfang an zu sehen.


„Kaffee ist mehr ist als ein Genussmittel – er ist eine Verbindung zwischen den Kulturen und ein Produkt harter Arbeit und Leidenschaft.“


Kaffeehandel ist historisch geprägt von strukturellen Ungleichheiten. Während viele Entwicklungsländer Kaffee produzieren, profitieren häufig industrielle Konsumländer. Sie sind es, die bei der Weiterverarbeitung und Vermarktung höhere Gewinne erzielen. Ursprungsreisen in Kaffeeanbauländer ermöglichen es uns als Rösterei, den gesamten Produktionsprozess von der Pflanzung bis zur Ernte aus erster Hand zu erleben. Sie stärken die Transparenz und machen die Lieferkette für uns nachvollziehbar. Sie fördern direkte Beziehungen zu den Kaffeebäuer:innen, was faire Handelspraktiken begünstigt. Wir sammeln dabei wertvolles Wissen über Qualitätsfaktoren, Anbautechniken sowie nachhaltige Praktiken. Wir lernen auch die kulturellen und ökologischen Aspekte der Kaffeeproduktion kennen und entwickeln ein tieferes Verständnis für die sozialen Herausforderungen der Produzent:innen. Die Hälfte des in Äthiopien angebauten Kaffees wird im Land selbst konsumiert. Darunter auch immer mehr Kaffee aus dem Spezialitätenbereich. Für den Export bestimmter Kaffee wird größtenteils nach Europa verschifft und unterliegt hinsichtlich der Qualität strengen Regeln. Sidamo, gelegen im südlichen Hochland Äthiopiens, ist bekannt für seinen hochwertigen Kaffee.


Die Region Sidamo


Das äthiopische Hochland ist eine extrem fruchtbare Region, die sich auf einer Höhe von 1800 bis über 4500 Metern über dem Meeresspiegel erstreckt. Getrennt durch das Great Rift Valley, das sich durch ganz Äthiopien zieht, teilt es die Hochebene in einen westlichen und östlichen Teil. Sidamo befindet sich im südlichen Teil. Eine abwechslungsreiche Topographie prägt die hügelige Region. Die Höhenlage variiert zwischen etwa 1500 und 2200 Metern über dem Meeresspiegel. Das Klima in Sidamo ist gemäßigt und starke Regenzeiten prägen das Land, was die Landwirtschaft begünstigt. Im Januar, während unseres Besuches, ist es relativ kühl. Die Temperaturen liegen tagsüber oft zwischen 15 und 25 Grad Celsius. Sidamo gehört zu den bekanntesten und qualitativ hochwertigsten Kaffeeanbaugebieten des Landes und ist international anerkannt für seine komplexen Aromen, die oft als fruchtig, blumig und würzig beschrieben werden. Wir sind kurz nach der Erntezeit in Sidamo. Die Luft dort ist klar, und die Sicht auf die beeindruckenden Bergketten, tiefen Täler und Plateaus ist besonders scharf. Bei unserem ersten Besuch auf einer Kaffeefarm erkennen wir nicht, wo der Wald endet und die Farm beginnt. Umgeben von großen Bäumen, wächst der Kaffee hier schattig und nahezu wild. Die grünen Blätter werfen ein sanftes, gefiltertes Licht auf den Boden – wie ein lebendiger Teppich aus verschiedenen Grüntönen. Die Kaffeepflanzen sind nahezu komplett abgeerntet. Vereinzelt sehen wir noch Blumen an den Pflanzen. Ihr leichter Duft nach Jasmin lässt uns erahnen, wie es hier zur Blütezeit riechen muss. Ein bis vier Hektar umfasst die durchschnittliche Größe einer Kaffeefarm. Wobei der Begriff Farm übertrieben wäre. Der Kaffee wächst überall zwischen den anderen Bäumen und Pflanzen. Der Anbau im Schatten schützt die Kaffeepflanzen vor direkter Sonneneinstrahlung, bewahrt die Bodenfeuchtigkeit und trägt zur Biodiversität bei. Es können bis zu 40 Pflanzen auf einem Hektar wachsen, erzählt ein Tafari, als wir seine Farm besuchen. Knapp 3000 Kilogramm Kaffeekirschen erntet er damit im Jahr- das entspricht ungefähr sieben Säcken an Grünkaffee für den Export.

Traditionelle Landwirtschaft und innovative Projekte


Die meisten Kleinbäuer:innen in Sidamo nutzen organische Düngemittel und natürliche Schädlingsbekämpfungsmittel. Diese Methoden unterstützen nachhaltige Landwirtschaft und bewahren die Gesundheit der Böden und Ökosysteme. Der Einsatz von chemischen Düngemitteln und Pestiziden ist gesetzlich verboten und ohnehin ein zusätzlicher Kostenfaktor. Sidamo beherbergt eine große Vielfalt an einheimischen Kaffeesorten, bekannt als Heirloom-Varietäten. Diese Sorten sind oft widerstandsfähiger gegenüber Krankheiten und Schädlingen, da sie wild wachsen und so im Laufe der Zeit viele Immunitäten entwickelt haben. Ihre Genetik trägt auch zur einzigartigen Geschmacksvielfalt des Sidamo-Kaffees bei, der nach der Ernte zu Washing Stations zur weiteren Verarbeitung transportiert wird. Seit 2023 betreibt auch Wubit Bekele eine Washing Station in Halo Bareti,

einer Region im Süden des Verwaltungsbezirks Yirgacheffe. Auf ihrer Anlage stehen 300 Trockenbetten in knapp über 2000 Metern Höhe. Farmer:innen aus der direkten Nachbarschaft liefern hier ihre Kaffeekirschen hin. Die Hälfte der Bezahlung erhalten die Farmer:innen von ihr bereits während der Anbauzeit, um Kosten zu decken. Die andere Hälfte wird einen Monat nach der Ernte ausgezahlt. Ein gängiges System bei den Produzent:innen in Sidamo. Zeitlich versetzte und gesplittete Auszahlungen sorgen für besseres Geldmanagment und nachhaltige Beziehungen zwischen Farmer:innen und Produzent:innen. Die Washing Stations, die wir besuchen, zahlen für die Kaffeekirschen die üblichen Marktpreise, die unter anderem von Faktoren wie der Qualität abhängen. Zwischen 50 und 60 US-Cent pro Kilo waren es zum Zeitpunkt unserer Reise – wohlgemerkt in einem unbeständigen Markt. Offseason Payments sorgen aber dafür, dass Farmer:innen über das ganze Jahr hinweg ein stabiles Einkommen erzielen. Neben der Aufbereitungsstation hat Wubit das Projekt Women Farmers gegründet. Es unterstützt Frauen, die Land bewirtschaften oder geerbt haben. Dort wird ihnen Wissen vermittelt und sie bekommen Werkzeuge für ihre Arbeit. Außerdem organisiert das Projekt die Betreuung für Kinder, die noch nicht zur Schule gehen, wenn ihre Eltern mit der Weiterverarbeitung des Kaffees beschäftigt sind.



Über den Golf von Aden und Engpässe
des Suezkanals zurück nach Dortmund


Wie wichtig Kaffee als Wirtschaftsfaktor ist, erfahren wir ebenfalls, als wir die Lagerhäuser besichtigen. Gestapelte Kaffeesäcke warten hier darauf verschifft zu werden. Die Lagerbestände, erfahren wir, überprüft die staatlichen Kaffeebehörde. „Für den Rohkaffee, der für den Export vorgesehen ist, gibt die Regierung einen Mindestpreis vor, kann Lagerhäuser aber auch komplett schließen“, erzählt uns Wubit bei der Besichtigung. Während und nach der Erntesaison werden Kaffeeexporteur:innen zu den größten Arbeitgebern in Sidamo. Dabei arbeiten auch Teenager neben der Schule auf den Anlagen. Neben ihrem Gehalt übernehmen die Betreiber:innen der Washing Stations das Schulgeld und ermöglichen damit den Besuch von Schulen. Der Kaffeeexport verschafft Äthiopien dringend benötigte Devisen, um Importe zu finanzieren. Rund ein Drittel aller Einnahmen aus Exporten gehen auf Kaffee zurück. Eines der wichtigsten Zielländer ist Deutschland. Über einen Meereszugang, um den Kaffee zu verschiffen, verfügt Äthiopien allerdings nicht. Aktuell wird der Kaffee über Häfen in Dschibuti transportiert.

Geopolitische Spannungen im Golf von Aden und Engpässe durch den Suezkanal sorgen regelmäßig für lange Transportzeiten, bevor der Kaffee über die Häfen von Rotterdam, Hamburg oder Bremen bei uns in Dortmund landet. Für Marina und mich endet die Reise mit einer tiefen Dankbarkeit und einem neu gewonnenen Verständnis für die Menschen und die Arbeit, die hinter jeder Tasse Kaffee stehen. Der intensive Austausch mit den Farmer:innen und Produzent:innen, das hautnahe Erleben der Verarbeitung und das Kennenlernen der jahrhundertealten Traditionen haben uns gezeigt, dass Kaffee mehr ist als ein Genussmittel – er ist eine Verbindung zwischen den Kulturen und ein Produkt harter Arbeit und Leidenschaft. Mit jedem Schluck erinnern wir uns nun an die Gesichter und Geschichten, die wir auf dieser Reise getroffen haben. Der Kaffee schmeckt jetzt anders – viel bedeutungsvoller.


Interview: Marco Walden
Bilder: Marina Sorgenicht

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