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Was mich antreibt, ist die Veränderung


Ein Interview mit Sancoffee

     Allan Miranda Botrel stammt aus einer Familie von Kaffeebauern. Als er von Brasilien nach Paris zog, um zu studieren, arbeitete er nebenbei als Barista. Dort, sagt er, habe er zum ersten Mal die Vielfalt und die neuen Möglichkeiten der Kaffeebranche erkannt. Seit nunmehr neun Jahren arbeitet er bei Sancoffee – einer Kooperative im brasilianischen Bundesstaat Minas Gerais, die rund 20 Farmen vereint.

Sie gilt als eine der ersten Kooperativen in Brasilien, die konsequent auf Specialty Coffee setzten, also auf Kaffees von besonders hoher Qualität. Sancoffee versteht sich nicht nur als Dachorganisation für die Farmen, sondern auch als Partner: Sie bündelt Ernten, sorgt für Qualitäts- und Nachhaltigkeitskontrollen und vertreibt die Kaffees. Der Kern des Modells liegt darin, Produzent:innen eine starke Stimme im internationalen Markt zu geben und gleichzeitig enge Beziehungen zu Röster:innen weltweit aufzubauen. Über diese Strukturen lernte Allan auch Neues Schwarz kennen. Unsere Rösterei arbeitet seit ihren Anfängen mit Sancoffee zusammen und entsprechend eng ist die Beziehung. Allan erklärt, warum genau diese Partnerschaften eine der wichtigsten Voraussetzungen für nachhaltigen Kaffeehandel sind. Dass Sancoffee dafür im vergangenen Jahr mit dem renommierten Nachhaltigkeitspreis der Specialty Coffee Association (SCA) ausgezeichnet wurde, erzählt später auch seine Kollegin Ana Claudia Silver und erläutert, welche Initiativen hinter dieser Auszeichnung stehen. Ihre Heimatstadt liegt drei Stunden von San Antonio entfernt, wo Sancoffee seinen Hauptsitz hat. Kaffee, sagt sie, könne philosophisch sein: Wenn Beziehungen gepflegt werden, Vertrauen wächst und das Wohlergehen der Menschen gestärkt wird.

Welche Erinnerungen hast du an den Beginn der Zusammenarbeit mit Neues Schwarz?

 Allan: Für uns ist es eine der längsten Beziehungen, die wir pflegen. Bevor Benedikt seine eigene Rösterei eröffnet hat, arbeitete er in Nürnberg in einer Rösterei. Dort kam er das erste Mal mit Kaffees aus unserer Region in Kontakt: Samambaia und Cruzeiro. All diese Farmen – wie auch die übrigen Mitglieder von Sancoffee – nutzen dieselben Erntemethoden und erreichen dadurch eine sehr ähnliche Qualität. 

Wie gelingt es euch, über die Jahre hinweg sowohl Volumen als auch Qualität zu halten?

Allan: Kaffee ist ein landwirtschaftliches Produkt und daher eng mit dem Wetter verknüpft, das jedes Jahr anders sein kann. Dass unser Unternehmen mittlerweile stark strukturiert ist, hilft uns sehr. Rund 20 Farmen gehören zu unserer Kooperative, und bei allen liegt die Qualität förmlich in der DNA. Jede von ihnen ist um die 900 Hektar groß. Dadurch haben wir verschiedene Handlungsstränge und große Mengen Kaffee zur Verfügung. Die Qualitätskontrollen führen wir seit 25 Jahren konsequent auf Farmebene durch.

Was macht eure Kaffees aus? 

 Allan: Unsere Prozesse und die Zusammensetzung der Sorten sorgen für ein gleichbleibendes Geschmacksprofil. Viele unserer Kaffees eignen sich hervorragend für den Alltag: Sie tragen Noten von Schokolade, Karamell und Nüssen. Unser Ziel ist es, diese Aromen so intensiv wie möglich herauszuarbeiten. Gleichzeitig haben wir aber auch Mikro-Lots, also kleinste, selektierte Partien, die exotischere Profile bieten.

Brasilien ist nicht gerade bekannt für nachhaltigen Kaffeeanbau. 

Allan: Das stimmt. Brasilien kann qualitativ hochwertige Kaffees produzieren, die zugleich erschwinglich sind. Aber die meisten Flächen werden in Monokultur bewirtschaftet und nicht beschattet, weil die Ernte hier stark mechanisiert ist. Ein Weg hin zu mehr Nachhaltigkeit ist die regenerative Landwirtschaft – etwa mit Gräsern zwischen den Pflanzenreihen zu experimentieren.

Welche weiteren Maßnahmen gibt es?

Allan: Brasilien verpflichtet Landwirtinnen und Landwirte dazu, auf privaten Flächen mindestens 20 Prozent in seiner ursprünglicher Vegetation als sogenannte legal reserve zu belassen. Dennoch bleibt Brasiliens Kaffeeanbau international betrachtet eine sehr intensive und oft mechanisierte Monokultur, die Schritt für Schritt nachhaltiger werden muss.


Was heißt das konkret?

Ana Claudia: 2019 haben wir ein Impact- Komitee gegründet. Es setzt sich aus Mitgliedern von drei verschiedenen Kaffeefarmen zusammen, und ich koordiniere die Initiativen. Wir haben die Struktur in drei Bereiche gegliedert: Umwelt, Soziales und Unternehmensführung. Zudem fließen zehn Prozent unseres Gewinns aus der Kooperative in einen Nachhaltigkeitsfonds, mit dem wir die Projekte finanzieren.

Ihr habt mit Sancoffee den SCANachhaltigkeitspreis gewonnen. Wie kam es zu dieser Auszeichnung?

Ana Claudia: Ich denke, wegen unseres Geschäftsmodells. Wir hatten von Anfang an die Vision, als Gemeinschaft zu arbeiten und Nachhaltigkeit mitzudenken. Für uns ist es zentral, den Produzent:innen zuzuhören und sie zu verstehen. Man sollte nicht mit fertigen Lösungen kommen, sondern mit offenen Ohren.

Welche Projekte entstehen dadurch?

Ana Claudia: Seit 2021 messen wir den CO2-Fußabdruck unserer Farmen und werten die Daten mit jeder Ernte aus. So wissen wir zum Beispiel, dass die gezielte Nutzung von Kompost den CO2-Fußabdruck deutlich verbessert. Auf solche regenerativen Ansätze haben wir uns zuletzt stark konzentriert, um den Anbau an die Folgen des Klimawandels anzupassen.

„Wir hatten von Anfang an die Vision, als Gemeinschaft zu arbeiten und Nachhaltigkeit mitzudenken.“

Regenerative Landwirtschaft klingt abstrakt. Wie sieht das konkret aus?

Ana Claudia: Wir gehen Schritt für Schritt vor. Die Forscher:innen, mit denen wir zusammenarbeiten, sprechen direkt mit den Produzent:innen und wir organisieren praktische Schulungen auf den Farmen. So stellen wir sicher, dass Maßnahmen nicht nur wissenschaftlich fundiert, sondern auch im Alltag umsetzbar sind.

Welches eurer Projekte sticht am meisten hervor?

Ana Claudia: Vielleicht ist es nicht ein einzelnes Projekt, sondern unser langfristiger Ansatz. Wir sammeln kontinuierlich Daten - zum Beispiel zu CO2-Emissionen - und teilen die Ergebnisse. Das schafft Wissen, das allen zugutekommt.

Wie wichtig ist der soziale Aspekt in der Nachhaltigkeit?

Ana Claudia: Sehr wichtig. Wir veranstalten Treffen, die gezielt die junge Generation ansprechen. Denn Kaffee kann eine echte Chance sein, sich ein gutes Leben aufzubauen.

Gilt dieser langfristige Gedanke auch für soziale Kontakte und Geschäftspartner?

Ana Claudia: Absolut. Unsere Beziehungen sind Teil unserer Unternehmensidentität. Dass Röster weltweit unsere Nachhaltigkeitsinitiativen schätzen, stärkt die Bindungen. Wenn wir zuverlässige Partner wie Neues Schwarz haben, können wir finanziell besser planen, in Qualität investieren - und wir wissen, dass unsere Kaffees einen stabilen Markt finden.

Ihr habt auch einen Kaffeecamp organisiert.

Ana Claudia: Ja, das war Teil unseres Roots-Programms. Wir haben Kinder unserer Produzent:innen im Alter von 10 bis 16 Jahren eingeladen. Spielerisch haben wir ihnen gezeigt, wie Kaffee geerntet und aufbereitet wird. Sie durften ihn selbst rösten, die Qualität bewerten und an Cuppings teilnehmen.

Das klingt wie eine Aufwärtsspirale.

Ana Claudia: Genau. Der Nachhaltigkeitspreis hat uns darin bestätigt, dass wir auf dem richtigen Weg sind. Vor allem aber hat er die Arbeit unserer Produzent:innen gewürdigt, was uns sehr wichtig war. Denn ohne starke Partnerschaften könnten wir all das nicht erreichen. Wenn niemand unsere Kaffees kaufen würde, würde sich das Rad nicht mehr drehen.

Was denkt ihr über die neue Generation von Produzent:innen?

Ana Claudia: Sie hat andere Erwartungen an das Arbeitsleben und ist sehr wissbegierig. Früher hieß es oft, dass nur diejenigen auf den Farmen bleiben, die nicht studieren. Aber in Wahrheit brauchen wir heute hochqualifizierte Leute, denn in San Antonio dreht sich die Wirtschaft zu 80 Prozent um Kaffee. Damit Jugendliche das erkennen, gehen wir in die Schulen und stellen dort Specialty Coffee vor. Mittlerweile ist es fast umgekehrt: Wer auf einer Farm arbeiten möchte, muss studieren, um die immer komplexeren Anforderungen zu verstehen.

Abschließend: Was bedeutet für euch persönlich die Arbeit?

Allan: Je älter ich werde, desto mehr lerne ich das Land zu schätzen und fühle mich mit ihm verbunden. Ich sehe die Tradition und die Mühe der früheren Generationen, die die Farmen aufgebaut haben. Und das gibt mir das Gefühl einer besonderen Verantwortung, diese Arbeit fortzuführen.

Text:  Emma Lehmkuhl
Fotos: Tillmann Hoheisel & Sancoffee


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